Vor ein paar Jahren stand ich mit Michu vor diesem unglaublichen Eisfall. Damals, nervös vor der ehrfürchtigen Breitwangflue, angespannt, dass jemand vor uns einsteigen würde, und unsicher, ob wir dem vielleicht nicht gewachsen sind. Dennoch sind wir als erste Seilschaft an diesem Tag diese Linie geklettert. Jedes Mal, als ich den Stand erreichte, überflutete mich das Gefühl der Erleichterung und Dankbarkeit, dass ich die nächste Länge nachsteigen darf. In dem Augenblick, als ich nach der letzten schweren Seillänge Michu fröhlich grinsend mit Reggae-Musik in einer kuschelig kalten Eishöhle sah, war es um mich geschehen. Ich wusste: Genau diese Momente sind es, welche es in meiner Zukunft zu Sammeln gilt.

Die durchgehende Eislinie rechts ist Crack Baby (19.1.2025) Foto: Daniel Buchs
Und jetzt, mit etwas mehr Erfahrung, stand ich wieder vor dieser Linie. Es war Sonntag, wir sind den halben Weg bei Tageslicht zugestiegen, und dennoch war keine Menschenseele am Einstieg oder auf der Route zu sehen. Alles daneben war eher in schlechtem Zustand, was den Andrang eigentlich nur hätte vergrößern sollen. Doch auch nach Minuten der Observation war noch immer kein Mensch zu sehen. Haben wir etwas übersehen? Ist der Fall hinterspült? Abgelöst? Eine Säule gebrochen? Ist es zu warm? Verunsichert machten wir uns bereit. Mit aller Sorgfalt habe ich die objektiven Gefahren ausschließen können. Mit Vorfreude und gewaltiger Energie spurtete ich die ersten 60 Meter hinauf. Ich fühle mich so gut – woran das wohl liegt? Zügig kam auch Dänu bald zum Stand, der nun die nächste Seillänge vorstieg. Danach wurde es steiler und sehr nass. Einerseits war das super, um die neue Mammut-Kollektion zu testen, zudem vergrub sich die Haue beim ersten Schlag perfekt im weichen Eis.
Um die Dusche trotz der Vorteile so kurz wie möglich zu halten, kletterte ich schnell – und schnell im Eis heißt auch: wenig sichern. Schließlich konnte ich das Nass, das langsam meine Ärmel hinunterfloss, doch nicht so recht genießen, egal wie teuer diese Goretex-Jacke auch hätte sein mögen. Bald machte ich unter der ersten steilen Säule einen Schraubenstand. Fasziniert kam Dänu zum Stand, schmeichelte mir mit Lobgesang und bemerkte, wie er die Tools unverhältnismäßig umklammerte. Doch wenn jemand Kraft zu verschwenden hat, dann ist es der Mann, der als „gemütliche“ Morgentour von Lauterbrunnen auf die Jungfrau rennt und anschließend mit dem Speedwing hinunterrast.

Zweite der steilen Seillängen, Foto: Daniel Buchs
Nun wurde es interessant. Ein paar vorhandene Hooks ließen darauf schließen, dass sich am Vortag bereits Seilschaften in der Route befanden. Mein Vertrauen in die Tools war gut, ein paar Schläge oder gar nur Hooken reichten, und ich kam stetig vorwärts. Eine kurze Seillänge endete. Danach ging es beinahe mixed weiter: Verspreizt zwischen angeklebten Eispilzen und einem Zapfen überwand ich den ersten Aufschwung. Dann stand ich unter einer langen, steilen und etwas furchteinflößenden Säule. Bis heute wurde ich nicht warm damit, um steile Säulen herum zu traversieren, und so war ich froh, als ich dann bald frontal im senkrechten Eis hing.
Mein Vertrauen in die Tools liess langsam nach. Ich tänzelte mich nicht mehr hoch, nein, ganz nach der 3-M-Regel: Murx macht’s möglich. Und meine persönliche Auslegung: Murx macht müde. Das heißt, es wird nicht mehr geschlagen, sondern kräftig und leicht verzweifelt ins Eis gehakt. Die Antwort auf meine von Ängsten beflügelte Aggression bekam ich in Form von schmerzhaften Eisschollen ins Gesicht. Das verleitete mich dazu, ein Abkommensgedicht ans Eis zu schreiben:
Oh Eis, mein allerliebstes Gut,
beschwingst die Freude und die Wut.
Ich will dir schlicht nicht schmerzen,
doch leider siegt die Angst im Herzen.
So, Liebes, tu es mir nicht gleich,
triff mein Gesicht, wenn möglich, weich.
Und ehrlich, es hilft. Statt harter Eisschollen stelle ich mir nun weiche Plüschherzen vor, die mir liebevoll ins Gesicht geworfen werden, und ich kann die gegenseitige Wertschätzung beinahe fühlen.
Irgendwie passt dieses Lied zur dieser Route, oder bilde ich mir das nur ein? (bin offen für deinen Gegenvorschlag)

Immer nach dem Motto "s hät scho" so kommt man voran. Foto: Daniel Buchs
Erleichtert komme ich zum Stand. Nun holt mich das schlechte Gewissen ein, denn ich wurde immer langsamer. Unsicher versuche ich, den Gesichtsausdruck von Dänu zu deuten, ob er nicht doch etwas unterkühlt oder genervt sein könnte. Mit erschöpfter Miene sagt er: „Willst du mich umbringen?“ Schockiert versuche ich, seine Aussage einzuordnen, doch bald wird mir klar, dass ich das als eine Art Wertschätzung deuten kann. So viel wie: Schön, dass du mich aus der Komfortzone holst. Oder: Was für eine unvergessliche Tour – wenn sie dann endlich vorbei ist.
Und so machte ich mich erneut zum Angriff bereit. Bestimmt nicht in Rekordzeit, aber wir kamen vorwärts. Zum Schluss kam ein kleines Schneeplateau und danach nochmals eine Eissäule. Und wer hätte es gedacht: Die offizielle Route endet über den erdenklich schwierigsten Eisweg, den diese kleine Schlussarena von Eisfällen zu bieten hat. Genervt von meinem Ehrgeiz trat ich auch noch diese letzte Seillänge an. Frisch geduscht manövrierte ich mich zum Ende der Route, wo ich noch während des Nachstiegsicherns den Abalakov anfertigte und das Abseilen vorbereitete.
Nun ging es ans Abseilen, von Stand zu Stand, und wir genossen den Kontrast. Wie leicht man doch herunterkommt, während einem das Hochsteigen solch intensive Bemühungen beschert. Zurück am Einstieg angekommen, schien sich auch in Dänus Gesicht eine Art tiefster Zufriedenheit breit zu machen. Mit müden Gliedern liefen wir dem schönen Abendorange entgegen und kamen gerade bei Einbruch der Dunkelheit beim Auto an. Immer größer wurde die Freude über die Begehung. Und genau das ist es, was das Eisklettern für mich ausmacht – die enorme Bandbreite an Gefühlen und Wahrnehmungen, die man durchlebt und am gegenüber beobachten kann.
Vorfreude - Nervosität- Kälte - Nässe - Respekt - Angst - Erleichterung - Zuneigung - Freundschaft - Stolz (...)
mit Daniel Buchs "Büxxe" am 19.01.2025.

wie romantisch Foto: Daniel Buchs
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